Mittwoch, 10. August 2016

Ein letzter Gruß - Neue Formen der Bestattungs- und Trauerkultur

Titelcover "Ein letzter Gruß"
  Verlag Butzon & Bercker
Man könnte natürlich als erstes fragen, wieso ein Buch über neue Formen der Bestattungs- und Trauerkultur auf einem Blog besprochen wird, das sich historischen Friedhöfen widmet.

Tatsächlich aber findet unsere zeitgenössische Bestattungs- und Trauerkultur ja hauptsächlich auf Friedhöfen statt, die zu einem großen Teil historisch gewachsen sind; jedenfalls wenn man die Friedwälder und Ruheforste oder, wie die Bestattungswälder noch euphemistisch genannt werden, draußen vor lässt. Da viele Friedhöfe aufgrund des Trends zur Urnenbestattung heute mit sogenannten Überhangflächen zu kämpfen haben, werden gegenwärtig kaum noch neue Bestattungsplätze in Deutschland angelegt. Wenn die neuen Formen der sepulkralen Kultur aufgefächert werden, geht es also auch um die zukünftige Entwicklung historischer Friedhöfe und es ist nicht unwichtig dabei die kulturellen Veränderungen zur Kenntnis zu nehmen, die sich seit den 1990er Jahren immer stärker ausdifferenzieren.


Reiner Sörries, der ehemalige Geschäftsführer des Kasseler Sepulkralmuseums und der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal, gilt dabei allgemein als einer der besten Kenner dieser Materie. Im ersten Kapitel "Wandel der Bestattungskultur" beschreibt er überblicksartig die Veränderungen, durch die auf gesetzlicher Ebene die Beisetzungsmöglichkeiten immer mehr erweitert und Zwänge abgebaut werden. Dabei hält er den Mentalitätswandel allerdings für viel schwerwiegender, der zu einer immer größeren Individualität der Wünsche und Vorstellungen führt. Er präzisiert die Individualisierung im Sinne von Verschiedenheit mit dem englischen Fachbegriff Diversity und meint damit eine Unterschiedlichkeit, die von sehr konkreten Faktoren bestimmt wird. Die kulturellen Trends gliedert er in seinem neuen Buch auf in: "Gender ", "Sex", "Age", "Handicap", "Social Status", "Culture und Religion", "Creating Identies" und "Medien".

Einleitend erläutert er die Untergliederung von Diversity mit den Begriffen: Geschlecht, Alter, physische und psychische Fähigkeiten, Herkunft (Rasse, Ehtnie), Religion und Weltanschauung, sexuelle Orientierung und gibt einen Überblick inwieweit diese Faktoren z. Beispiel im Hospizwesen schon berücksichtigt werden.

Im Kapitel "Gender" werden dann ganz unterschiedliche Strömungen zusammengefasst, die mit den Geschlechterrollen in der Gesellschaft verbunden sind. Da geht es zum Beispiel um die historische Rolle der Frau als derjenigen, die von der Trauer überwältigt wird, während der Mann seine Gefühle nicht zeigen darf; aber auch um die neuen von Frauen geführten Bestattungsunternehmen; die Friedhofsbereiche, die speziell für und von Frauen eingerichtet werden, oder den geschlechtersensiblen Umgang mit Sterbenden. Im Kapitel Sex dagegen thematisiert Sörries die neuen Impulse, die speziell durch die Aidsepidemie und die damit einhergehende Konfrontation junger Homosexueller mit Sterben und Tod entstanden sind.

Bei Age geht es um die ganz Jungen und die Alten, das heißt zum einen die Bestattungswünsche älterer Menschen, zum anderen um die neue Gewichtung des Todes Neugeborener. Der Abschnitt Handicap gibt einen knappen Überblick über neue Ansätze zur Inklusion auch im Bereich von Tod und Sterben und unter dem Titel Social Status wird die Bestattung in den Blick genommen, deren Kosten die Allgemeinheit trägt. Dabei wird die Schere zwischen Arm und Reich thematisiert, die - wie am Ende des 19. Jahrhunderts - in der Ausgestaltung der Grabstätten immer deutlicher sichtbar wird, aber auch der Gegentrend der Solidarisierung mit Außenseitern wird angesprochen. Als Beispiel sei hier der Gedenkbaum angeführt, der auf dem Öjendorfer Friedhof in Hamburg an die verstorbenen Verkäufer des Straßenmagazins Hinz&Kunzt erinnert. Nicht zuletzt gehört zu diesem Themenbereich auch die Diskussion um die unentgeltliche Bestattung, die seit einiger Zeit wieder geführt wird.

Selbstverständlich wird unter dem Titel "Culture und Religion" (Kleine kritische Anmerkung zu den Titeln: Warum in Denglisch?) besonders auf die islamische Bestattung in Deutschland eingegangen, doch es fehlt auch der Hinweis nicht, dass die Kirchen, "ihre Chancen auf ein christliches Profil ihrer Bestattungsangebote" neu entdecken.
Creating Identities meint die Bewegung hin zu Gruppengräbern, die eine gemeinschaftliche Identität befestigen. Dabei weist Reiner Sörries gleich am Anfang explizit auf meine eigenen Forschungen zu historischen und gegenwärtigen gemeinschaftlichen Grabstätten hin, was mich natürlich besonders freut. Daran anschließend beschreibt er neue Formen der Gruppenbildung, neue Orte der Identifikation wie z.B. die Kreuze am Straßenrand oder Orte von Katastrophen als Trauerorte von Schicksalsgemeinschaften, sowie Erinnerungsorte für Gruppen, deren man sich lange nicht erinnern wollte; z.B. Deserteure, also "Soldaten, die sich dem Kriegsdienst für die nationalsozialistische Gesellschaft verweigerten", wie auf einer Tafel in Kassel zu lesen ist. Das Thema "Politische Trauer" leitet im Grunde schon zum letzten Kapitel "Medien" über, wenn es um sozusagen große Trauereignisse wie den Tod von Lady Di und anderer bekannter Persönlichkeiten geht und  die Trauermanifestationen nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" erwähnt werden. Unter Medien wird dann zum Schluss zum einen die neue Medienwirksamkeit von manchmal weltumspannenden   Bestattungs- und Trauermanifestationen beleuchtet - man denke nur an die Übertragungen der Bestattung Papst Johannes Paul II. Zum anderen geht es um die Rolle des Internets in diesem Bereich, durch das neue Formen - wie z.B. das "Sterben vor laufender Kamera" - gesellschaftlich virulent werden können.

Abschließend fasst Sörries seine Bestandsaufnahme und ihre wichtigsten Thesen in zwei Zeitschienen - einerseits einer Chronologie sepukral bedeutsamer Ereignisse in Deutschland und andererseits einer Geschichte von AIDS - und dem Unterkapitel "Megatrends" zusammen und zeigt dabei, wie der Wandel der Sepulkralkultur dem gesellschaftlichen und technischen Wandel begleitet.

Insgesamt ist in diesem Buch eine Vielzahl von unterschiedlichen kulturellen Erscheinungen im Bereich Sterben, Bestattung und Trauer versammelt. Oft überschneiden sie sich in ihrer Form und manchmal sind sie eng miteinander verschränkt. Sörries stellt diese neuen Formen umfassend und strukturiert vor und lässt dabei die historische Entwicklung niemals außer Acht. Dabei ermöglichen die Anmerkungen es auch, bei Bedarf auf die Quellen zuzugreifen, aus denen die Informationen gespeist sind, so dass der weiteren Forschung keine Grenzen gesetzt sind. Damit wird dieses Buch zu einem wichtigen Wegweiser durch den Dschungel der Erscheinungsformen, die in ihrer Gesamtheit für den Zeitgenossen nur schwer zu durchschauen sind.

Reiner Sörries, Ein letzter Gruß. Neue Formen der Bestattungs- und Trauerkultur. Verlag Butzon & Bercker, Kevelar 2016, 194, S., zahlreiche schw.-w. Abb. 17,95 EUR

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