Freitag, 9. Juni 2017

Versunkene Seelen - Begräbnisplätze ertrunkener Seeleute im 19. Jahrhundert

Cover von Jürgen Hasse, Versunkene Seelen
Schon in meinem Post zu dem Buch "Das Mittelmeer und der Tod" habe ich auf den Beitrag von Jürgen Hasse über den Umgang mit Strandleichen im Mittelmeerraum hingewiesen. Dadurch bin ich auf sein Buch über den Umgang mit vom Meer angeschwemmten Toten aufmerksam geworden, das im letzten Jahr im Herder Verlag erschienen ist. Das Inhaltsverzeichnis und die Einleitung sind im Internet nachzulesen.

Hasse verortet seine Untersuchung theoretisch in der Phänomenologie. Das heißt, dass er für die Erkenntnisgewinnung unmittelbar von gegebenen Erscheinungen, also den Phänomenen, ausgegeht. Er setzt dabei auf das Konzept der "leiblichen Kommunikation" als eine grundlegende Form der menschlichen Wahrnehmung. Das Fernbleiben des Seemanns und sein immer wahrscheinlicher werdender Tod ist deshalb für ihn nicht ein "einfaches Beispiel für die Trauer; es steht vielmehr für die tragische Trauer".  In diesem Fall spende die Kunst in besonderer Weise Trost, "indem sie dem Gefühl der Trauer durch Innewerden zu Autorität und Geltung verhelfe" (S. 39). So gibt er denn auch schon in seiner Einleitung einen - sehr knappen - Überblick über "Schiffbruch und Seemannstod im Spiegel der Kunst" und erkennt in den Kunstwerken die "Ästhetische Veredelung des Grauen im Erhabenen" und die "Evozierung von Stimmungen".



Ein ausführlicheres Kapitel ist danach der Geschichte der Seeschifffahrt gewidmet. Da die "Begäbniskultur Ertrunkener" auch hier im Zentrum steht (S. 51), geht es ihm dabei vorrangig um den Schrecken der Meere, das Schiff als Heterotopie, die Wahrnehmung "des" Seemanns, sowie Schiffbruch und Seemannstod. In dem folgenden Kapitel "Weiße Räume des Wissen" formuliert der Autor drei Thesen, die erklären sollen, warum das Thema "Bestattung Ertrunkener" eine Leerstelle im Schrifttum und in der Kunst bildet. Als Gründe nennt er die Selbstverständlichkeit des anonymen Seemanstodes, den Mangel an Wissen und - für ihn von besonderer Bedeutung - die Tabuisierung.

Ausführlich setzt er sich sodann mit der Strandung und dem Fund von Strandleichen auseinander und führt dem Leser das Grauen vor Augen, das seiner Ansicht nach mit der Entdeckung von Toten einherging, die lange im Wasser gelegen hatten. Erst nach dieser langen Hinführung kommt Hasse dann zu seinem im Titel genannten Thema: den Begräbnisplätzen für Namenlose im Allgemeinen und ihrem Begräbnis auf der Nordseeinsel Borkum im Besonderen. Er stützt sich dabei auch auf die Forschungen von Norbert Fischer; widerspricht diesem aber in Bezug auf den direkten Zusammenhang der Schaffung von Namenslosen-Friedhöfen mit den Anfängen des Seebäderwesens. Vielmehr stellt er die These auf, dass "Friedhöfe für Ertrunkene auf den der Nordsee vorgelagerten Inseln bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts eingerichtet worden sein müssen" (S. 206). Allerdings scheint mir die Beweislage für eine frühere Gründung des Namenslosen-Friedhofs auf der Insel Borkum relativ dünn zu sein, auch wenn die Belege dafür, dass Ertrunkene auf der Insel stets beerdigt wurden, eindeutig sind. Ein letztes Kapitel, das sich dem Vergessen und Vergessen-Machen des Seemannstodes widmet, schließt diesen Bereich thematisch ab. Ganz zum Schluss dann kommt Hasse noch im "Sinne einer architekturtheoretischen Nachbemerkung" auf die gestalterische Rolle der Landschaftsarchitektur und ihre ästhetisierende Raumgestaltung zu sprechen.

Insgesamt legt der Autor damit eine faktenreiche Untersuchung seines Themas vor. Allerdings leuchtet mir persönlich seine phänomenologische Einordnung nicht immer ganz ein; besonders da ich mir nicht so sicher bin, dass es möglich ist, das Gefühlsleben früherer Zeiten auf der Grundlage der gegenwärtigen Gefühlslagen zu interpretieren. Gerade der Ekel scheint mir ein sehr stark von der jeweiligen historisch-gesellschaftlichen Situation geprägtes Gefühl zu sein (ein Beispiel aus meiner persönlichen Kenntnis: Ich kann mich nicht erinnern, dass Haare in meiner Jugend zu Ekelgefühlen Anlass gegeben hätten. Tatsächlich hat man im 19. Jahrhundert sogar aus den Haaren von Verstorbenen Andenkenbilder, sowie Ketten und Ringe hergestellt. Für heutige Jugendliche ist das ein ekelerregender Gedanke!)  

Jürgen Hasse, Versunkene Seelen. Begräbnisplätze ertrunkener Seeleute im 19. Jahrhundert. Verlag Herder, 2016, gebunden, 296 Seiten, zahlr. schw.-w. Abb., 29,99 €


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