Sonntag, 28. Januar 2018

Tod & Ritual - Kulturen von Abschied und Erinnerung

Katalog der Ausstellung 
Unter diesem Titel ist bis zum 21. Mai 2018 eine Ausstellung im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz zu sehen, zu der ein umfangreicher Katalog erschienen ist. Wahrscheinlich werde ich die Ausstellung nicht besuchen können, doch der opulente, grafisch ansprechend gestaltete Katalog entschädigt ein wenig dafür.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist die im 19. Jahrhundert in Niederkaina bei Bautzen in der Oberlausitz entdeckte frühgeschichtliche Gräberstätte mit mehr als 1800 Gräbern. Unter ihnen sind die Grabstätten aus der Zeit um 1200 bis 500 v Chr. besonders aufschlussreich, weil sich an ihnen sich ein aufwendiges Bestattungsritual ablesen lässt. Mit der Ausstellung wird damit erstmals ein wichtiger Aspekt der Landesarchäologie Sachsens herausgestellt, zugleich aber wird der Bezug zum gegenwärtigen Umgang mit dem Tod und mit den Ritualen, die notwendig sind um Abschied zu nehmen, hergestellt.


Der Katalog ist entsprechend der Ausstellung in fünf Bereiche gegliedert. Sie enthalten zum einem verschiedene reich illustrierte Beiträge, zum anderen werden passend dazu jeweils zugehörige Ausstellungsobjekte in Bild und Wort vorgestellt. Beleuchtet werden zu Beginn allgemein menschliche Aspekte von Tod und Trauer; so der Tod aus psychologischer Sicht; Jenseitsvorstellungen in den Religionen; die Geschichte der christlichen Bestattung, sowie die Krisenbewältigung durch Symbole. Die Ausstellungsstücke dazu stammen aus ganz unterschiedlichen Kulturen und Weltgegenden. Nicht nur ägyptische Papyri und klasssische griechische Grabreliefs, auch eine relativ moderne Steinklinge zur rituellen Amputation eines Fingergliedes von der Insel Neuguinea sind zu bewundern.

Der zweite Teil widmet sich spezieller den Jenseitsvorstellungen und Bestattungsritualen. Die Bestattung im Alten Ägypten, im antiken Griechenland, in traditionellen außereuropäischen Kulturen, sowie der Behandlung von Gräbern als archäologische Quelle werden in den Beiträgen angesprochen. Wobei der letzte Beitrag auch auf die Frage nach dem ethischen Umgang mit den Überresten Verstorbener in der Forschung und in Museen aufwirft. Griechische Keramiken mit Darstellungen der Totenklage, ein chinesischer Kesselgong und ein Foto von der aufgegrabenen Gruft eines Ehepaares in Dresden illustrieren unter anderen dieses Abschnitt.

Der dritte Teil behandelt ausführlich das Gräberfeld von Niederkaina und die Rekonstruktion des Bestattungsrituals der Billendorfer Kultur. Unterstützt wird die Vergegenwärtigung durch zahlreiche Bilder der Gefäße, die aus den Gräbern geborgen wurden und darauf schließen lassen, dass es für manche Verstorbene eine aufwändige rituelle Abschiedfeier mit Totenmahl und Verbrennung des Toten, der auf einen Wagen auf dem Holzstapel gebettet wurde, gegeben hat.

S. 178/79  Die Bilder zeigen ein historisches Grabmal auf
Amrum und einen Parkbereich auf dem
Friedhof Bremen-Rhinsberg
Spezielle Aspekte von Bestattungsritualen stehen danach im Vordergrund, wenn es zum einen um Körperbehandlung und Aufbahrung, den Leichenzug und die Reise ins Jenseits, sowie die Übergabe an die Elemente geht. Zum anderen werden aber auch ein Bestattungsritual der Bronzezeit näher untersucht; Grabhäuser der Lausitzer Kultur, sowie Geschirr und Nahrung spätprähistorischer Gräber vorgestellt. In der Gegenwart ist dann die Gräberlandschaft und Gedächtniskultur verortet. Während postfunerale Handlungen, also zum Beispiel die Bemalung von Schädeln oder die Sekundärbestattung, sich sowohl auf historische wie auf gegenwärtige Verhaltensweisen beziehen. Ein Sonderfall sind die am Ende dieses Teiles vorgestellten Grabstätten, die darauf schließen lassen, dass man Angst davor hatte, dass Tote als Wiedergänger aus ihren Gräbern kommen konnten.

S. 214/15  Die Bilder zeigen den Eingang zum Hasefriedhof in
Osnabrück, sowie eine Schmuckurne vom Friedhof in Sonnen-
Berg/Thüringen 
Der letzte Teil der Ausstellung widmet sich mit zwei Beiträgen explizit der Christianisierung und der Gegenwart, zum einen werden Bestattungen im Mittelalter thematisiert, zum anderen Aspekte zum Umgang mit Sterben, Tod und Trauer in der Moderne.

Auffällig ist insgesamt, dass in diesem Katalog Beispiele aus europäischen und außereuropäischen Kulturen ebenso miteinander verbunden werden, wie solche aus ganz unterschiedlichen historischen Epochen, Kulturen und Religionen - z.B.  aus dem Alten Ägypten, der griechischen Antike, dem Mittelalter und der Gegenwart. Damit bilden die Beiträge ein - sowohl unterhaltsames wie erhellendes -  Konglomerat, das dazu anregt über den Tod und den Umgang der eigenen Kultur mit den Toten nachzudenken; ein Ziel, das die Ausstellungsmacher bewusst angestrebt haben, wenn sie in ihrer Einleitung schreiben: "die Beispiele aus Archäologie,  Geschichte, Ethnologie und Gegenwart zeigen den vielfältigen Umgang mit dem Tod in verschiedenen Zeiten, Räumen und religiösen Zusammenhängen. Erstaunlich sind verschiedene Aspekte des Totenrituals und bestimmte Vorstellungen, die über große Räume und während verschiedener Epochen der Menschheitsgeschichte immer wiederkehren, auch wenn sie keinen Anspruch auf Universalität haben. Als Beispiel sei an dieser Stelle die enorme soziale Bedeutung von Totenaufbahrung und Leichenzug in nahezu allen Kulturen genannt oder die auf allen Kontinenten verbreitet Idee der Jenseitsreise über das Wasser. Derartige und ähnliche Phänomen erlauben durchaus unterschiedliche Deutungen und haben nicht immer den gleichen Ursprung ... Doch sind sie es, die vielleicht dem Wesen des Menschen - im Zusammenhang mit der Reflektion über den Tod - nahe kommen. Denn Rituale zeugen vom Schmerz der Hinterbliebenen, ihrer Sorge um die Toten und ihren Hoffnungen."     
Jens Beutmann, Jasmin Kaiser, Gabriela Manschus, Sabine Wolfram (Hrsg.), Tod & Ritual. Kulturen von Abschied und Erinnerung. Der Begleitband zur Sonderausstellung, Dresden 2017, 232 S. mit zahlr. farbigen Abb., Preis 22,95 €

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